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Neue Vielfalt beiSeltenen Erden

NPVon Noel C. Pick, Senior Portfolio Manager bei HRK LUNIS
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Seltene Erden sind wie Mehl: Es ist im Überfluss da, aber ohne die passende Bäckerei gibt es trotzdem kein Brot. Das größte Missverständnis über diese begehrten Rohstoffe steckt daher bereits in ihrem Namen. Sie sind keineswegs rar. Sie liegen praktisch überall auf der Welt verstreut. Der Flaschenhals liegt in der Verarbeitung. Solange eine einziges Land, in diesem Fall China, fast alle „Bäckereien“ der Welt kontrolliert, sind Rohstoffe wie Neodym, Praseodym oder Cer eben doch häufig schwer zu erhalten.

Seltene Erden sind das unsichtbare Fundament fast aller Zukunftstechnologien. Ohne sie bewegen sich weder E-Autos noch Windkraftanlagen, ohne sie funktionieren keine Roboter und keine KI-Systeme. Das eigentliche Problem liegt jedoch nicht in der geologischen Verfügbarkeit, sondern in der extremen geopolitischen Konzentration. China kontrolliert 60 Prozent der weltweiten Förderung und 90 Prozent der Raffination. Besonders für Europa ist dies ein großes Problem. Die EU bezieht sämtliche schweren Seltenen Erden, 85 Prozent der leichten Seltenen Erden und 98 Prozent der aus Seltenen Erden gefertigten Magneten, die für moderne Hochleistungstechnologien enorm wichtig sind, direkt aus China.

Dass diese Dominanz nicht vom Himmel gefallen ist, gehört zur unbequemen Wahrheit dieses Marktes. Sie ist das Resultat jahrzehntelanger wirtschaftlicher und politischer Fehlentscheidungen im Westen. Während Peking die strategische Bedeutung dieser Wertschöpfungsketten frühzeitig erkannte und systematisch ausbaute, wurden in vielen westlichen Staaten Umweltkosten, Investitionsrisiken und industriepolitische Konsequenzen unterschätzt. Die Quittung ist eine Verwundbarkeit, die inzwischen fast alle Schlüsselindustrien lähmen kann. Chinas Exportkontrollen haben diese Abhängigkeit schmerzhaft verdeutlicht. Seit Ende 2023 verbietet China den Export von Know-how und Spezialmaschinen zur Gewinnung, Trennung und Raffination von Seltenen Erden. Der Westen soll die Rohstoffe zwar noch kaufen können, aber nicht lernen, wie man sie selbst verarbeitet. 2025 wurden fast alle wichtigen Seltenen Erden mit strengen Ausfuhrlizenzen belegt. Das Europäische Parlament warnt inzwischen eindringlich davor, dass die Lieferketten in der Digitalindustrie, der Energiewende und der Verteidigungstechnologie unmittelbar belastet werden.

Chance in der Schwäche

Die gute Nachricht lautet allerdings: Abhängigkeiten dieser Größenordnung sind kein Schicksal. Zwei klare Auswege zeichnen sich ab. Erstens versuchen Staaten und Unternehmen mit Hochdruck, neue Förder- und Verarbeitungsstrukturen in den eigenen Regionen oder politisch verlässlichen Partnerstaaten („Friendshoring“) aufzubauen. Zweitens arbeitet die Forschung fieberhaft an Technologien, die den Einsatz Seltener Erden reduzieren oder komplett überflüssig machen. Insofern könnte aus einer strategischen Schwäche eine neue industrielle Stärke erwachsen. Oder anders ausgedrückt: Die Antwort auf Chinas Marktmacht sollte nicht in Resignation bestehen, sondern im entschlossenen Aufbau belastbarer Alternativen.

Ein Blick nach Japan beweist, dass diese Diversifizierung gelingen kann. Seit 2010 hat Tokio seine Bezugsquellen konsequent verbreitert, strategische Lagerbestände aufgebaut, Recyclingkapazitäten hochgefahren und gezielt in alternative Förderprojekte, allen voran in Australien, investiert. Inzwischen ist Japans Abhängigkeit von chinesischen Seltenen Erden von einst über 90 auf unter 60 Prozent gesunken. Das bedeutet zwar noch keine vollständige Autarkie, ist aber eine Blaupause dafür, wie politische Konsequenz und eine langfristig angelegte Industriepolitik reale Wirkung entfalten kann.

Auch in Europa und Deutschland bewegt sich mittlerweile deutlich mehr, als noch vor wenigen Jahren denkbar gewesen wäre. Im Oberrheingraben treibt Vulcan Energy gemeinsam mit Partnern den Aufbau einer eigenständigen europäischen Lithiumproduktion voran. Das Projekt ist vollständig ausfinanziert, wird von starken öffentlichen sowie privaten Akteuren getragen und soll nach aktuellem Stand 2028 in die kommerzielle Produktion gehen.

Parallel dazu läuft ein zweiter, mindestens ebenso spannender Wettlauf: der um die technologische Substitution. Gerade in der Elektromobilität zeigt sich die westliche Innovationskraft. So setzt BMW bei seiner Neuen Klasse auf elektrisch erregte Synchronmaschinen. Bei diesen Motoren wird das notwendige Magnetfeld nicht durch Permanentmagnete aus Seltenen Erden, sondern durch elektrische Erregung erzeugt – was die Abhängigkeit von kritischen Importen spürbar gegen null senkt. Zeitgleich arbeitet in Europa das Konsortium PASSENGER, ein Zusammenschluss aus 20 Partnern aus Industrie und Forschung, an Seltene-Erden-freien Permanentmagneten für die E-Mobilität und weitere Industriezweige. Die Botschaft hinter diesen Initiativen ist unmissverständlich: Wer alternative Motorenkonzepte, neuartige Materialien und innovative Magnetlösungen entwickelt, bricht die alten Spielregeln eines bislang von China diktierten Marktes auf.

Neue Ansätze

Auch außerhalb Europas entstehen in rasantem Tempo neue Ansätze. Das australische Bergbau- und Rohstoffunternehmen Lynas hat in Malaysia mit der Produktion von Dysprosiumoxid begonnen und ist damit nach eigenen Angaben der einzige kommerzielle Hersteller separierter schwerer Seltenerdprodukte außerhalb Chinas. Auch der Chemiekonzern Solvay baut in La Rochelle seine Kapazitäten für die Trennung und Verarbeitung massiv aus. Ab Ende dieses Jahres sollen dort Dysprosium und Terbium im industriellen Maßstab separiert werden können. In den USA wiederum beschleunigt eine staatlich gestützte Industriepolitik den Aufbau einer heimischen Produktion und Magnetfertigung massiv voran.

Noch bilden all diese Projekte kein vollständiges Gegengewicht zur chinesischen Vormachtstellung, aber sie markieren den unumkehrbaren Übergang von der bloßen Erkenntnis zur realen Umsetzung. Die erdrückende Abhängigkeit von China bei den Seltenen Erden ist kein unabänderliches Naturgesetz. Sie ist das direkte Resultat historischer politischer und wirtschaftlicher Entscheidungen – und lässt sich folglich durch neue, kluge Entscheidungen auch wieder verändern. Der Weg dorthin wird weder billig noch schnell und mit Sicherheit nicht konfliktfrei verlaufen. Neue Minen, moderne Raffinerien und bahnbrechende Technologien fordern viel Kapital, Zeit und politische Entschlossenheit. Dennoch bietet die aktuelle Problematik auch eine historische Chance.

Für Anlegerinnen und Anleger, aber auch für Unternehmen mit langfristigem Planungshorizont, erstreckt sich hier ein völlig neues, strategisches Investitionsfeld. Entscheidend für den Anlageerfolg ist dabei weniger die kurzfristige Kursfantasie, sondern die fundamentale Frage, wer technologisch, regulatorisch und finanziell am besten aufgestellt ist, um eine tragende Säule dieser neuen, westlichen Rohstoffarchitektur zu werden.

(Foto: Atypeek Dgn/pexels)#Denkfabrik

Indien: Die stille Kraft eines Wachstumslandes

Indien steht im Jahr 2025 an einem Wendepunkt seiner wirtschaftlichen Entwicklung. Das Land hat sich von einem Schwellenland zu einer der dynamischsten Volkswirtschaften der Welt entwickelt – mit einem robusten Binnenmarkt, einer jungen Bevölkerung und einer zunehmend globalen Rolle. Für Kapitalanleger bietet Indien damit sowohl enorme Chancen als auch komplexe Herausforderungen.

Mit über 1,4 Milliarden Einwohnern ist Indien seit 2023 das bevölkerungsreichste Land der Welt. Das Durchschnittsalter liegt bei nur 28 Jahren – ein demografischer Vorteil, der in den kommenden Jahrzehnten für nachhaltiges Wachstum sorgen dürfte. Die Erwerbsbevölkerung wächst jährlich um Millionen, und die Mittelschicht wird bis 2030 voraussichtlich um 400 Millionen Menschen anwachsen. Diese demografische „Dividende“ ist nicht nur ein Konsumtreiber, sondern auch ein Fundament für Innovation, Unternehmertum und Produktivität. Besonders bemerkenswert ist, dass Frauen in ländlichen Regionen zunehmend wirtschaftlich aktiv werden.  Hier helfen vor allem die Investitionen in eine bessere Infrastruktur wie Elektrizität oder Wasserversorgung, die die unternehmerischen Ambitionen der Inderinnen unterstützen.

Der Subkontinent hat in den letzten Jahren eine digitale Transformation vollzogen, die weltweit ihresgleichen sucht. Das Zahlungssystem UPI (Unified Payments Interface) ermöglicht Milliarden bargeldloser Transaktionen pro Monat – selbst Straßenverkäufer akzeptieren Zahlungen per QR-Code. Die digitale Identität „Aadhaar“ ist mit Bankkonten und Mobilnummern verknüpft und bildet das Rückgrat für staatliche Transfers und Finanzdienstleistungen. Parallel dazu wurden tiefgreifende Reformen umgesetzt: Steuervereinheitlichung (GST), Arbeitsrechtsreformen, digitale Verwaltung und Investitionsanreize für die Industrie. Diese Maßnahmen haben die Effizienz gesteigert und die Grundlage für einen Wachstumsschub gelegt. Nach einer leichten Delle im Jahr 2024 – bedingt durch Wahljahrs-Effekte und Wetterextreme – wird für 2025 ein Plus beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) von rund 6,6 Prozent erwartet.
Die Inflation ist rückläufig, die Verbraucherstimmung stabil, und die Staatsausgaben steigen wieder an. Besonders der private Konsum zeigt eine starke Dynamik, unterstützt durch Steuererleichterungen und gezielte Transferprogramme. Indien bleibt damit die wachstumsstärkste große Volkswirtschaft der Welt – mit einem langfristigen Ziel, das BIP bis 2030 auf über sieben Billionen US-Dollar zu verdoppeln.

Der indische Aktienmarkt hat sich in den letzten Jahren überdurchschnittlich entwickelt. Der MSCI India Index (gerechnet in Euro) erzielte zwischen 2014 und 2024 eine jährliche Rendite von 13,7 Prozent, deutlich über dem MSCI World. Die Marktkapitalisierung ist inzwischen größer als die von Deutschland, Frankreich und Großbritannien zusammen. Besonders attraktiv ist die geringe Korrelation zu westlichen Märkten, was Indien zu einem idealen Diversifikationsziel macht. Die dominierenden Sektoren sind Finanzen, Konsum, IT und Energie. Unternehmen wie Reliance Industries, HDFC Bank und Infosys zählen zu den globalen Schwergewichten. Für Anleger bieten sich verschiedene Einstiegsmöglichkeiten – von breit gestreuten ETFs bis hin zu sektoralen Fonds mit Fokus auf Technologie, E-Commerce oder Infrastruktur.

Die Regierung um Premierminister Modri verfolgt eine Strategie der strategischen Autonomie. Sie pflegt enge Beziehungen zu den USA, bleibt aber auch ein wichtiger Partner Russlands – etwa durch den Import und die Weiterverarbeitung von Öl. Gleichzeitig engagiert sich Indien in multilateralen Formaten wie G20, BRICS (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika) und QUAD (Quadrilateral Security Dialogue), einem sicherheitspolitisches Forum zwischen vier demokratischen Staaten (Indien, USA, Japan und Australien) im Indo-Pazifik. Neu-Dehli versucht sich dabei als Vermittler in globalen Konflikten. Diese geopolitische Flexibilität spricht dafür, dass sich Indien zu einem stabilen Investitionsstandort entwickelt – auch in Zeiten globaler Unsicherheit.

Trotz aller Fortschritte bleibt es ein Land der Gegensätze: Rund 30 Prozent der Bevölkerung leben in extremer Armut, und die Kluft zwischen Arm und Reich wächst. Zwar steigt die Alphabetisierung und die Anzahl akademischer Abschlüsse, doch viele Absolventen sind nicht arbeitsmarktfähig, weil es z.B. an Kreativität, Kommunikation oder kritischem Denken fehlt. Dieses sogenannte „Graduate Paradox“ bleibt ein strukturelles Problem. Es zeigt, dass Bildung allein nicht reicht, wenn sie nicht mit praktischen Fähigkeiten, Soft Skills und marktnaher Ausbildung kombiniert wird. Ein weiteres Problem sind Bürokratie und Rechtssicherheit: Langwierige Genehmigungsverfahren, föderale Fragmentierung und mangelnde Transparenz hemmen Investitionen. Der hohe Energiebedarf und die Abhängigkeit von Kohle stellen ökologische Risiken dar – auch wenn Indien bei erneuerbaren Energien große Fortschritte macht.

Indien bietet eine einzigartige Kombination aus Wachstum, Reformdynamik und geopolitischer Stabilität. Für Anleger ergeben sich vielfältige Chancen – insbesondere in den Bereichen Konsum, Technologie, Finanzen und Infrastruktur. Gleichzeitig erfordert ein Investment in Indien lokales Know-how, selektive Strategien und ein Bewusstsein für strukturelle Risiken. Wer Indien versteht, investiert nicht nur in eine Volkswirtschaft – sondern in die Zukunft eines globalen Akteurs.

 

Bild: CoPilot-KI